Samstag, September 23, 2006

NOW

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NOW - Das Jetzt der Erkennbarkeit.
Orte Walter Benjamins in Kultur, Kunst und Wissenschaft


Festival in Berlin vom 17. bis 22. Oktober 2006,
veranstaltet vom Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin

in Kooperation mit
Archiv der Akademie der Künste
Deutsches Rundfunkarchiv
Kino Arsenal
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart
Staatsoper Unter den Linden.

Konzeption und Organisation:
Prof. Dr. Sigrid Weigel und Dr. Sabine Flach


Gegenwärtig deutet sich eine Verschiebung von einer theoretischen zur künstlerischen Rezeption von Walter Benjamins Denken an.
Immer mehr Künstler, Filmemacher, Architekten, Komponisten oder auch Kuratoren gewinnen Anregungen aus den Denkfiguren und -bildern des deutsch-jüdischen Kulturphilosophen.
In seinen Texten entdecken sie überraschend aktuelle Antworten auf gegenwärtige Herausforderungen:

• Perspektiven europäischer Kultur
• die Bedeutung der Religion(en), die Kritik der Gewalt und die internationalen Verhandlungen über 'Gerechtigkeit',
• das Auseinanderdriften von Naturwissenschaften und Kunst/Kultur,
• die Entwicklung einer globalen Medienkultur

Das Festival präsentiert

• Präsentationen von Künstlern, Architekten und Intellektuellen,
• Kunst- und Archivausstellungen, ein Filmprogramm, ein Hörspiel
sowie ein Musiktheater, Lesungen und Performances
• eine internationale Fachtagung mit Wissenschaftlern aus 15 Ländern


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Freitag, September 15, 2006

SIMULACRUM

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Jean Baudrillard und Dietmar Kamper
in der Autorenbuchhandlung Berlin
am 12. September 1984
mit dem Nachbarn Walter Benjamin


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Donnerstag, September 07, 2006

DAS FURCHTBARSTE DEMENTI

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© 1984 by Absalom

Während der Kommune saß Blanqui als Gefangener auf dem Fort du Taureau. Dort schrieb er die »Eternite par les Astres«. Dieses Buch krönt die Phantasmagorien des Jahrhunderts mit einer letzten, kosmischen, welche insgeheim die bitterste Kritik an den andern einschließt. Die unbeholfenen Überlegungen eines Autodidakten, die den Hauptteil der Schrift ausmachen, sind die Vorbereitung einer Spekulation, die dem revolutionären Elan des Verfassers das furchtbarste Dementi erteilt. Die Ansicht vom Universum, die Blanqui in diesem Buch entwirft, zu dem er die Daten der mechanistischen Naturwissenschaft entnimmt, ist eine wahrhaft infernalische. Sie ist zugleich das Komplement der Gesellschaft, die Blanqui an seinem Lebensabend als Sieger über sich zu erkennen genötigt war. Es ist die dem Autor selbst verborgene Ironie dieses Entwurfs, in Gestalt einer rückhaltslosen Unterwerfung unter ihre Wissenschaft die furchtbarste Anklage gegen die Gesellschaft zu erheben, die jenes Weltbild als ihre Projektion an den Himmel wirft. Die Schrift trägt den Gedanken der ewigen Wiederkunft zehn Jahre vor dem »Zarathustra« vor; kaum minder pathetisch und mit größter halluzinatorischer Kraft. Nicht triumphierend sondern vielmehr beklemmend: Blanqui geht es dabei um das Bild des Fortschritts, der als ein unvordenklich Ältestes, das im Gewand des Neuesten einherstolziert, sich als die Phantasmagorie der Geschichte selbst zu erkennen gibt. Die entscheidende Stelle lautet:
»Das ganze Universum besteht aus Sternsystemen. Um sie zu schaffen, hat die Natur nur hundert Elemente zur Verfügung. Trotz aller Erfindungskunst und trotz der unendlichen Anzahl von Kombinationen, die ihrer Fruchtbarkeit zur Verfügung stehen, ist das Resultat notwendig eine endliche Zahl gleich der Zahl der Elemente selbst. Um den Raum auszufüllen, muß die Natur ihre ursprünglichen Kombinationen und Typen ad infinitum wiederholen.
Es muß deshalb jeden Stern in Zeit und Raum unendliche Male geben, nicht bloß so, wie er einmal erscheint, sondern nach jedem Augenblick seiner Dauer von seinem Entstehen bis zu seinem Untergang. Solch ein Stern ist die Erde. Darum ist auch jedes Menschenwesen ewig in jedem Augenblick seiner Existenz. Das, was ich in diesem Augenblick in einer Zelle des Forts Du Taureau schreibe, das habe ich geschrieben und das werde ich in alle Ewigkeit schreiben: an einem Tisch mit einer Feder, in Umständen, die aufs Haar den gegenwärtigen gleichen. So ist es mit jedem … die Zahl unserer Doppelgänger ist unendlich in Zeit und Raum … Diese Doppelgänger haben Fleisch und Blut, d. h. Hosen und Überzieher, Krinolinen und Chignons. Es sind keine Phantome sondern verewigte Wirklichkeit. Eines freilich fehlt daran: Fortschritt. Was wir so nennen, ist eingemauert in jede Erde und vergeht mit jeder. Stets und überall auf den Erden das gleiche Drama, die gleiche Dekoration, auf derselben schmalen Bühne, eine brausende Menschheit, berauscht von ihrer Größe. Stets und überall hält sie sich selbst für das Universum und lebt in ihrem Gefängnis, als wäre es unermeßlich, um doch bald mit dem Erdball in den Schatten zu sinken, der mit ihrem Hochmut aufräumt. Die gleiche Monotonie, die gleiche Unbeweglichkeit auf den anderen Sternen. Das Universum wiederholt sich unendlich und tritt auf der Stelle. Unbeirrt spielt die Ewigkeit im Unendlichen stets und immer das gleiche Stück.«

Diese hoffnungslose Resignation bildet das letzte Wort des großen Revolutionärs. Das Jahrhundert hat den neuen technischen Möglichkeiten nicht mit einer neuen gesellschaftlichen Ordnung zu entsprechen vermocht. So erhielten die trügerischen Vermittelungen des Alten und des Neuen die Oberhand, welche der Term seiner Phantasmagorien waren. Die von diesen Phantasmagorien beherrschte Welt ist – mit einem Schlüsselwort, das Baudelaire für sie gefunden hat – die Moderne. Blanquis Vision begreift in diese Moderne – als deren Boten die »Sept Vieillards« auftauchten – das Universum ein. Ihm wird zuletzt die Neuheit zum Attribut dessen, was dem Reich der Verdammnis angehört. So erscheinen in einem etwas früheren Vaudeville »Ciel et Enfer« die Höllenstrafen als das seit jeher Neueste, als die »peines eternelIes et toujours nouvelles«. Die Menschen des neunzehnten jahrhunderts, die Blanqui als apparitions anspricht, stammen aus diesem Bezirk.
[GS V·2, 1256-1258]


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Freitag, September 01, 2006

IN DER EINBAHNSTRASSE …

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Freitag, August 25, 2006

… UND DER ENGEL DER GESCHICHTE

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Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er erstarrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet.

Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. [GS I·2, 697-698]

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»Geh in mein Kämmerlein, | Will mein Bettlein machen; | Steht ein bucklicht Männlein da, | Fängt als an zu lachen.« Das ist das Lachen Odradeks, von dem es heißt: »Es klingt so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern.« »Wenn ich an mein Bänklein knie, | Will ein bißlein beten; | Steht ein bucklicht Männlein da, | Fängt als an zu reden. | Liebes Kindlein, ach ich bitt, | Bet’ für’s bucklicht Männlein mit!« So endet das Volkslied. In seiner Tiefe berührt Kafka den Grund, den weder das »mythische Ahnungswissen» noch die »existenzielle Theologie« ihm gibt. Es ist der Grund des deutschen Volkstums so gut wie des jüdischen. Wenn Kafka nicht gebetet hat – was wir nicht wissen - so war ihm doch aufs höchste eigen, was Malebranche »das natürliche Gebet der Seele« nennt - die Aufmerksamkeit. Und in sie hat er, wie die Heiligen in ihre Gebete, alle Kreatur eingeschlossen. [GS II·2, 432]

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BERLINER KINDHEIT UM NEUNZEHNHUNDERT

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DAS BUCKLICHTE MÄNNLEIN



Solange ich klein war, sah ich beim Spazierengehen gern durch jene waagerechten Gatter, die auch dann erlaubten, vor einem Schaufenster sich aufzustellen, wenn gerade unter ihm ein Schacht sich auftat, welcher dazu diente, mit etwas Licht und Luft die Kellerluken, die in der Tiefe sich befanden, zu versorgen. Die Luken gingen kaum ins Freie, sondern eher ins Unterirdische. Daher die Neugier, mit der ich durch die Stäbe jedes Gatters, auf dem ich gerade fußte, niedersah, um aus dem Souterrain den Anblick eines Kanarienvogels, einer Lampe oder eines Bewohners mit davonzutragen. Es war nicht immer möglich. Wenn ich aber bei Tage dem vergebens nachgetrachtet hatte, so konnte es geschehen, da sich nachts der Spieß umkehrte und ich selbst im Traum dingfest gemacht wurde von Blicken, die aus solchen Kellerlöchern nach mir zielten. Gnomen mit spitzen Mützen warfen sie. Doch kaum war ich vor ihnen bis ins Mark erschrocken, waren sie schon wieder fort.

Nicht streng geschieden war für mich die Welt, welche bei Tage diese Fenster bevölkerte, von der, die nachts dort auf der Lauer lag, um mich in meinem Traum zu überfallen. Ich wußte darum gleich, woran ich war, als ich in meinem »Deutschen Kinderbuch« von Georg Scherer auf die Stelle stieß: »Will ich in mein Keller gehn / Will mein Wein lein zapfen; / Steht ein bucklicht Männlein da, / Tät mir ’n Krug wegschnappen.« Ich kannte jene Sippe, die auf Schaden und Schabernack versessen war, und daß sie sich im Keller zu Hause fühlte, war nicht wunderlich. »Lumpengesindel« war es. Und gleich erinnerte ich mich der Nachtgesellen, die, so spät, draußen zum Hühnchen und zum Hähnchen stoßen: der Nähnadel sowie der Stecknadel, die beide rufen, »es würde gleich stichdunkel werden«. Was sie sodann am Wirt, der sie des Nachts aufnahm, verübten, dünkte sie wohl nur ein Spaß. Mich aber grauste es. Von ihrem Schlage war der Bucklige. Doch kam er mir nicht näher. Erst heute weiß ich, wie er geheißen hat. Meine Mutter verriet mir’s, ohne es zu wissen. »Ungeschickt läßt grüßen«, sagte sie mir immer, wenn ich etwas zerbrochen hatte oder hingefallen war. Und nun verstehe ich, wovon sie sprach. Sie sprach vom bucklichten Männlein, welches mich angesehen hatte. Wen dieses Männlein ansieht, gibt nicht acht. Nicht auf sich selbst und auf das Männlein auch nicht. Er steht verstört vor einem Scherbenhaufen: »Will ich in mein Küchel gehn, / Will mein Süpplein kochen; / Steht ein bucklicht Männlein da, / Hat mein Töpflein brachen.« Wo es erschien, da hatte ich das Nachsehn. Ein Nachsehn, dem die Dinge sich entzogen, bis aus dem Garten übers Jahr ein Gärtlein, ein Kämmerlein aus meiner Kammer und ein Bänklein aus der Bank geworden war. Sie schrumpften, und es war, als wüchse ihnen ein Buckel, der sie selber nun der Welt des Männleins für sehr lange einverleibte. Das Männlein kam mir überall zuvor. Zuvorkommend stellte sich’s in den Weg. Doch sonst tat er mir nichts, der graue Vogt, als von jedwedem Ding, an das ich kam, den Halbpart des Vergessens einzutreiben: »Will ich in mein Stüblein gehn, / Will mein Müslein essen: / Steht ein bucklicht Männlein da, / Hat’s schon halber ’gessen.« So stand das Männlein oft. Allein, ich habe es nie gesehn. Es sah nur immer mich.

Und desto schärfer, je weniger ich von mir selber sah. Ich denke mir, daß jenes »ganze Leben«, von dem man sich erzählt, daß es vorm Blick der Sterbenden vorbeizieht, aus solchen Bildern sich zusammensetzt, wie sie das Männlein von uns allen hat. Sie flitzen rasch vorbei wie jene Blätter der straff gebundenen Büchlein, die einmal Vorläufer unserer Kinematographen waren. Mit leisem Druck bewegte sich der Daumen an ihrer Schnittfläche entlang; dann wurden sekunden weise Bilder sichtbar, die sich voneinander fast nicht unterschieden. In ihrem flüchtigen Ablauf ließen sie den Boxer bei der Arbeit und den Schwimmer, wie er mit seinen Wellen kämpft, erkennen. Das Männlein hat die Bilder auch von mir. Es sah mich im Versteck und vor dem Zwinger des Fischotters, am Wintermorgen und vor dem Telephon im Hinterflur, am Brauhausberge mit den Faltern und auf meiner Eisbahn bei der Blechmusik, vorm Nähkasten und über meinem Schubfach, im Blumeshof und wenn ich krank zu Bett lag, in Glienicke und auf der Bahnstation. Jetzt hat es seine Arbeit hinter sich. Doch seine Stimme, welche an das Summen des Gasstrumpfs anklingt, wispert über die Jahrhundertschwelle mir die Worte nach: »Liebes Kindlein, ach, ich bitt, / Bet fürs bucklicht Männlein mit.« [GS IV·1, 302-304]


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PORTBOU

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»Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.« [GS I·2, 1241]

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WALTER BENJAMIN ARCHIVE

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»Von einer Sensation ist zu berichten: Das Walter Benjamin Archiv zeigt eine Fülle von großartigen, in weiten Teilen bisher unpublizierten und auch unbekannten Bildern und Dokumenten. Anläßlich einer Ausstellung in der Akademie der Künste, Berlin, wird, begleitet von einer internationalen Tagung und einer Vielzahl von Veranstaltungen, zum ersten Mal Benjamins Bild- und Dingkosmos der Öffentlichkeit vorgestellt.

Solche Orientierung an Bildern und Dokumenten, an der Materialität der Gegenstände entspricht auch seinem Werk, das seinerseits ein Reservoir von Texten, Kommentaren, Elementen des Alltags, der Kunst und des Traums ist. Viele dieser Elemente sind als Bausteine in sein ›Passagen‹-Projekt eingegangen, das die ›Urgeschichte des 19. Jahrhunderts‹ erkundet. Darüber hinaus prägen Techniken des Sammelns und Archivierens die Arbeitsweise Walter Benjamins. Nachdem er aus Deutschland vertrieben worden war, schuf er die Voraussetzungen zur Rettung seiner, wie er sagte, ›unendlich verzettelten Produktion‹, indem er Manuskripte, Notizen und Druckbelege bei Freunden in aller Welt deponierte Der reichillustrierte und kommentierte Band schließt erstmals Benjamins Archive auf: Notizhefte, in denen jeder Zentimeter genutzt wird; Register, Verzeichnisse und Karteien, die zugleich akribisch und kreativ geführt sind; Ansichtskarten, von ihm selbst kommentierte Fotoserien; eine Sammlung früher Worte und Sätze seines Sohnes Stefan, dessen Sprach- und Denkentwicklung Benjamin in Aufzeichnungen über Jahre verfolgte.« (Suhrkamp Verlag)

»Walter Benjamins Archive« erscheint zur gleichnamigen Ausstellung des Walter Benjamin Archivs in der Akademie der Künste, Berlin, vom 17. September bis zum 12. November 2006.



Geplante Erscheinung: 02.10.2006

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ANGELUS NOVUS

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Neuerscheinung

Johann Konrad Eberlein
Angelus Novus
Paul Klees Bild und Walter Benjamins Deutung


Freiurg im Breisgau : Rombach, 2006. - 107 S. : Ill. ; 20 cm
(Rombach Wissenschaften : Reihe Quellen zur Kunst ; Bd. 16)



Paul Klees lavierte Zeichnung Angelus Novus aus dem Jahr 1920 wurde durch die Kommentare, die Walter Benjamin vom Erwerb der Zeichnung an bis zum Ende seines Lebens verfaßte, zu einer der Ikonen des 20. Jh. Konrad Eberlein legt nicht nur eine neue Deutung des Bildes vor, die die Texte Benjamins einbezieht, sondern geht auch auf die schwierige Rezeption sowohl der Kunst Klees als auch die durch Benjamin geprägte Wirkungsgeschichte dieses singulären Werkes ein.

Johann Konrad Eberlein, Dr. phil., geb. 1948, Promotion 1978, Habilitation 1992, Lehrtätigkeit u.a. an den Universitäten München, Frankfurt a.M., Bern, Graz, Salzburg, seit 1998 Uni.-Prof. in Graz. Veröffentlichungen u.a.: Paul Klee, München 1994.


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Bereits vor 15 Jahren äußerte sich Eberlein in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (vom 20. Juli 1991) zu diesem Thema – damals unter dem Titel »Ein verhängnisvoller Engel. Paul Klees Bild ›Angelus Novus‹ und Walter Benjamins Interpretationen«. Die Begriffs= Verschiebung von den pluralen »Interpretationen« hin zur singulären »Deutung« offenbart gleichsam in nuce die – nicht nur – kultursozialen Veränderungen, denen wir in diesen eineinhalb Jahrzehnten ausgesetzt waren.

—— [Das Faksimile des F.A.Z.-Artikels kann aus rechtlichen Gründen leider hier nicht veröffentlicht werden!] ——

BENJAMIN – ADORNO – LYOTARD

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Andreas Höflich
Walter Benjamins Text
»Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«
und seine Bedeutung für die ästhetische Theorie




Inhalt

1. Einleitung
2. Das Kunstwerk und der Verlust seiner Aura
3. Adorno und der Begriff der Aura
4. Bezüge zu Jean-François Lyotard
5. Schlußbemerkungen
6. Bibliographie, Fußnoten




1. Einleitung

Schon früh haben Philosophen und Musiker versucht, auf der einen Seite Standards und einen Kanon dessen festzulegen, was als musikalisch »schön« anzusehen ist, auf der anderen gaben Musiker ihrer Musik eine wissenschaftliche Fundierung, teils als Erklärung teils als Rechtfertigung. In dieser Arbeit soll versucht werden den bedeutenden Text »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« (1) von Walter Benjamin in Zusammenhang zu bringen mit ästhetischen Texten, welche die Musik betreffen. Benjamins Arbeit, die mehr den Verlust der Aura in Hinblick auf visuelle Künste, wie etwa Photographie, Film oder Malerei und Bildende Kunst beklagt, ist aber dennoch für die Rezeption von Musik in der sogenannten Postmoderne von Bedeutung. Als wichtig in diesem Zusammenhang erschienen dem Autor die Interdependenzen mit zeitlich später erschienen Texten zu sein. Ähnlich in ihrer Herangehensweise kristallisierten sich Abhandlungen der sogenannten Poststrukturalisten oder Postmodernisten heraus, die explizit und im Detail auf die Musik als künstlerische Ausdrucksform eingehen. Die Frage, der nachzugehen ist, ist in wieweit sich die Rezeption von Musik mit der Möglichkeit ihrer technischen – und damit - unendlichen Reproduktion verändert, und wenn dem so ist, ob diese neue Rezeption sich auch auf das zu betrachtende Werk an sich auswirkt. Die Situation, in der der moderne Mensch Musik rezipiert, hat sich mit den Medien der Tonaufzeichnung verändert. Die Situation, in die sich der Musikhörer im neunzehnten Jahrhundert begeben mußte, unterscheidet sich fundamental von der des Musikliebhabers im zwanzigsten Jahrhundert.

Mußte sich der Rezipient im vergangenen Jahrhundert in den Konzertsaal bemühen, oder die Musik erklang bei einem Hausmusikabend, so kann der moderne Mensch Musik hören wann immer er will und in jeder Situation, die wahrscheinlich immens von der abweicht, die der Komponist sich für das Ertönen seiner Musik erdacht oder gewünscht hat. Nach Veröffentlichung seines Werkes z.B. auf einer CD, hat er keine weitere Verfügungsmacht über seine Komposition. Der rituelle Charakter der Musik, das Religionsähnliche der Musik, das Wagner mit seinem Festspielhaus bis zur Perfektion trieb, ist dem in der Neuzeit lebenden Menschen abhanden gekommen. Die Frage ist nun, wie sich diese Situation auf das Kunstwerk selbst auswirkt und ob es von Seiten der Philosophen Bestrebungen gab, wenn schon nicht diese Entwicklung zu bekämpfen - was ein aussichtsloses Unterfangen wäre – so doch Erklärungsversuche zu unternehmen, um diesen fundamentalen Wechsel im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Kunst in ihre Überlegungen mit einzubringen.

2. Das Kunstwerk und der Verlust seiner Aura

Der Text von Walter Benjamin aus dem Jahre 1935 beschreibt die einschneidenden Veränderungen der Arbeitswelt durch Automatisierung und Kapitalisierung, die sich mit zeitlicher Verzögerung auf den Bereich der Kunst auswirken. Dieser Wandel – in seiner ökonomischen Begründung und im gesellschaftspolitischen Zusammenhang - ist Gegenstand Benjamins Analyse. Die auf diese Weise von Benjamin extrahierten »Entwicklungstendenzen der Kunst unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen« (2) werden von einem Phänomen dominiert: dem »Verfall der Aura« (3).

Als Bündelung diverser Veränderungen, die dem Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit widerfahren, wird dieser Ausdruck notwendigerweise mehrdeutig. »Das Hier und Jetzt des Kunstwerks« (4) als historische Trägersubstanz, die seine Autorität und Echtheit ausmacht, geht durch die Reproduktion verloren.

Benjamin schickt voran, daß Kunstwerke schon immer reproduziert wurden, jedoch als Übung von Schülern, und von Meistern zur Verbreitung der Werke. Auch Musik wurde immer schon reproduziert, da als Überlieferung ja nur der Notentext vorhanden war. Der gesamte Bereich der Echtheit entzieht sich aber der technischen Reproduktion. Laut Benjamin erhält die manuelle Reproduktion gegenüber dem »Original« seine Autorität aufrecht. Bei der technischen ist dies nicht der Fall, da sie dem Original gegenüber selbstständiger ist, als die manuelle. Dies beruht auf zwei Dingen:

— Die technische Reproduktion kann beispielsweise in der Photographie Ansichten des Originals hervorheben, die nur der technischen Linse aber nicht dem bloßen Auge sichtbar sind.
— Sie kommt dem Aufnehmenden, dem Rezipienten entgegen. Die Schallplatte holt Musik in die Wohnung des Hörers, die eigentlich in einem Konzertsaal oder einer Kathedrale ausgeführt wurde.

»Die Umstände, in die das Produkt der technischen Reproduktion gebracht werden kann, mögen im übrigen den Bestand des Kunstwerks unangetastet lassen - sie entwerten auf jeden Fall das Hier und Jetzt.« (5) Eine Aufnahme einer kunstvollen Komposition, dazu noch kunstvoll ausgeführt, bleibt immer noch ein "Dokument" eines Augenblicks, das das Kunstwerk in seinem Bestand nicht antastet. Es ist jedoch nur noch ein Dokument und nicht mehr das Kunstwerk selbst.

Was weiterhin verloren geht, ist die »Echtheit« (6) eines Kunstwerks, die Inbegriff seiner materiellen Dauer als auch ihrer geschichtliche Zeugenschaft ist. Somit gerät durch die technische Reproduktion die "Autorität der Sache" (7) ins Wanken. Die Echtheit wiederum hat ihre Fundierung im Ritual, in dem das Kunstwerk seinen originären Gebrauchswert hatte. Benjamin faßt nun alle diese Verlusterscheinungen in dem Begriff des Verlusts der Aura zusammen. »Die Reproduktionstechnik, so ließe sich allgemein formulieren, löst das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab. Indem sie die Reproduktion vervielfältigt, setzt sie an die Stelle seines einmaligen Vorkommens sein massenweises.« (8)

Ein anderer Aspekt der Aura, nämlich ihre Wahrnehmung, wird weiterhin beschrieben. So gewinnt im Kontext der These, die sich mit dem historischen Wandel der Sinneswahrnehmung beschäftigt in obiger Definition das Wort »Erscheinung« besondere Bedeutung. Es handelt sich um den subjektiven Eindruck von Einmaligkeit und Ferne. Der Verfall der »Aura« muß also mit dem Bruch wenigstens eines dieser beiden Grundpfeiler ihrer Rezeption zusammenhängen. Benjamin sieht sie beide untergraben: »Die Dinge sich räumlich und menschlich ›näherzubringen‹ ist ein genau so leidenschaftliches Anliegen der gegenwärtigen Massen wie es ihre Tendenz einer Überwindung des Einmaligen jeder Gegebenheit durch die Aufnahme von deren Reproduktion ist.« (9)

Da die Aura nicht von der Ritualfunktion eines Kunstwerks zu trennen ist, löst sich das Kunstwerk durch seine technische Reproduktion erstmals von seinem parasitären Dasein an das Ritual, und die Authentizität ersetzt den Kultwert. Ein reproduziertes Kunstwerk wird somit die »Reproduktion eines auf Reproduzierbarkeit angelegten Kunstwerks« (10). Aus den für die Rezeption eines Kunstwerks wichtigen Funktionen hebt Benjamin zwei heraus:

— Den Kultwert.
— Den Austellungswert des Kunstwerks.

Ein sakrales Kunstwerk hatte zuerst einmal die Funktion, daß es zu Ehren Gottes gemacht wurde, erst an zweiter Stelle kam es auf sein Betrachten an, wenn überhaupt. Mit der technischen Reproduktion ist nun die Austellbarkeit eines Kunstwerkes in gewaltigem Maße gestiegen. Früher lag das Gewicht auf dem Kultwert eines Kunstwerks, erst dann auf seinem Kunstwert. Was jetzt zählt ist zuerst der Austellungswert eines Kunstwerks, dessen Kunstwert man erst später/beiläufig erkennt. Das nach Magie und Religion das Kunstwerk auch immer schon einem »profanen Schönheitsdienst« (11) verpflichtet war, tut dieser Definition keinen Abbruch, da er auch eine Form des Kults ist, immer noch auf die Einmaligkeit des Kunstwerks angewiesen, da diese ihren Maßstab, die Echtheit begründet. Die Aura wird hier also als Übermittlerin von traditionellem Kunstwert beschrieben. Dieser wird mit ihrer Vernichtung durch die Reproduktion zerstört - der Kultwert verliert an Bedeutung, während der Ausstellungswert immer dominanter wird, bis er »[in] der Photographie [...] den Kultwert auf der ganzen Linie zurückzudrängen« (12) beginnt. Die Thesen zur Massenwirkung z.B. des Films werden hier nicht in die Überlegungen eingebracht, da der Fokus diese Arbeit auf die Auswirkungen auf die Musik und musikphilosophischen Betrachtungen gerichtet sein soll.

3. Adorno und der Begriff der Aura

Ohne den Begriff zu verwenden, hat sich Adorno zu dem Problem, das in Benjamins ikonoklastischer These angesprochen ist, schon 1938 in seinem Aufsatz »Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens« (13) geäußert. In der Auseinandersetzung mit der neuen Unterhaltungskultur kommt er hier zu einem Befund, der in Benjamins Sprache ein Verlust der Aura in der Musik genannt werden müßte. Adorno stellt aber weit mehr als Benjamin die Bedeutung der Musik als »Waren-Fetisch« dar. Während Benjamin versucht, sich mittels der Begriffe »Kultwert« und »Ausstellungswert« um terminologische Äquivalente für die politökonomischen Begriffe des Gebrauchs- und Tauschwertes zu bemühen, analysiert Adorno in seinem frühen Aufsatz die Musik ganz unverstellt als Ware. Die Änderung der Rezeptionshaltung gegenüber dem Kunstwerk, die Benjamin als »Zerstreuung« bezeichnet, nennt Adorno »Dekonzentration« und deutet so schon seinen Pessimismus an. Was jenem Anlaß zu politischem Optimismus ist, bedeutet diesem ein Indiz für die Verschlechterung des Weltzustands. Weiterhin ergibt sich bei Adorno ein Polarisierung der Sphären der Kunst: die Trennung der ästhetischen Bereiche großer Kunst als Ort der Autonomie und Kulturindustrie, als ein Bereich, in der die Marktgesetze jede Äußerung bestimmen. Bei Adorno erfährt Benjamins Gedanke zur Gegenwartskunst durch Adornos Applikation auf die Musik eine Zuspitzung, die mit ebensoviel Zuwachs an Differenzierung auf der einen, wie Verlust an Differenziertheit auf der anderen Seite einhergeht. Die völlige Mißachtung des ästhetischen Moments in der Unterhaltungsmusik ist mit Blick auf das systematische Motiv, den »autonomen« Kunstbereich im Gegenzug zu stärken, wohl verständlich zu machen. Trotzdem muß der Aufsatz unbefriedigend bleiben.

Die Analogie zwischen Gesellschaft und Musik, Ökonomie und Musik, Tiefenpsychologie und Musik, wird gesetzt ohne jeden Versuch einer Transformation oder auch nur einer methodologischen Erläuterung. Das entscheidende Problem, das sich jedem Ansatz zu einer soziologischen oder ökonomischen Erklärung der Kunst stellt - die Weisen der Einwanderung von Gesellschaftlichem in die Kunst zu rekonstruieren, ohne dabei zugleich den ästhetischen Charakter der Phänomene aus dem Blick zu verlieren, wird von Adorno hier noch gar nicht wahrgenommen. Mit anderen Worten: Das Problem der »Vermittlung«, das hier besteht, bleibt ungelöst - ja unbearbeitet.

In seiner »Ästhetischen Theorie« greift Adorno nun den Gedanken der Aura wieder auf und übt Kritik an Benjamins Methodik. Mit der dichotomischen Gegenüberstellung des auratischen und des technisch reproduzierten Kunstwerks vernachlässige er um ihrer Drastik willen die Dialektik beider Typen. Für ihn macht der Originalcharakter des Kunstwerks nicht dessen Aura aus, sie ist für ihn nicht auf einmalige Materialität begründet, sondern auf ästhetische Einmaligkeit und damit das Qualitätskriterium großer Werke. Des weiteren nimmt er Bezug auf die Kampfansage Benjamins an die faschistische Kunstpolitik. Der Widerstand gegen die gesellschaftliche Herrschaft hätte nach seiner Auffassung nicht in der Anpassung der Kunst an - seien es auch fortschrittliche - gesellschaftliche Zwecke, sondern vielmehr in der Wahrung der ästhetischen Autonomie als einer Position der Humanität zu bestehen. Er bestreitet auch gerade den Verfall einer Aura.

Was zunächst wie ein Verlust aussehen mag, erscheint aus der Distanz der Reflexion als integrales Moment einer dialektischen Widerspruchseinheit. Für Adorno ist die »Entkunstung der Kunst« nicht die Stufe ihrer Liquidation, sondern ein Faktor ihrer Dynamik. Den Verfall der Aura deutet er um als ihr Reflexionsmoment. Beklagt Benjamin den Verfall der Aura und damit den Verfall der Kunst, stellt der Verfall der Aura nicht deren Ende, sondern im Gegenteil das Wesen der auratischen Erscheinung dar. Denn für ihn hat das Verlöschen der Erscheinung selbst den Charakter einer Erscheinung des Verlöschens der Erscheinung, und diese macht in ihrer allemal zu beklagenden Vergänglichkeit den »Gehalt« der Kunst aus. Er gibt die große Kunst nicht verloren. Das, was er im Anschluß an Benjamin Aura nennt, wird ihm zum vorrangigen Merkmal der ästhetischen Autonomie. Aus dem Übergewicht der technischen Kultur, die von beiden in ihrer Ambivalenz erkannt wird, folgert Benjamin den Verlust der Subjektivität des Kunstwerks, Adorno dagegen spricht dem Kunstwerk stellvertretend für die menschlichen Verluste um so mehr, ja alle überhaupt noch mögliche Subjektivität zu. Adorno argumentiert gegen Benjamin weder transzendentalphilosophisch, noch anthropologisch, sondern »dialektisch«. Der Gedanke der Aufhebung, ein Moment, den er im Anschluß an Hegel zum Verständnis des Zusammenhangs von Kunst und Gesellschaft immer wieder geltend macht, ist maßgebend für ihn.

4. Bezüge zu Jean-François Lyotard

In seinem Aufsatz »So etwas wie ›Kommunikation ohne Kommunikation‹«(14) beschäftigt sich der französische Philosoph Jean-François Lyotard mit der Problem der sich ändernden Rezeption oder Kommunikation zwischen Kunstwerk und Rezipienten in der Moderne. Ausgehend von zwei sich diametral unterscheidenden Zitaten von Adorno und Immanuel Kant, die sich mit dem Begriff der Kommunikation beschäftigen, stellt Lyotard folgende Frage: »Die Frage, die ich dramatisieren möchte, lautet: wie steht es zu einer Stunde um eine Kommunikation ohne Begriff, wo die auf die Kunst angewandten ›Produkte‹ der Technologien eben gerade nicht ohne die massive und hegemonische Intervention des Begriffs hergestellt werden können?« (15) Die Kommunikation ohne Begriff leitet er aus dem Kommunikationsbegriff Adornos her, der - so Lyotard - die Vorstellung impliziert, daß »wenn es in der Kunst eine Kommunikation gibt, diese ohne Begriff sein muß. [...] Es gibt ein Denken der Kunst, das kein Denken der Nicht-Kommunikation, sondern der nichtbegrifflichen Kommunikation ist.« (16)

Der Ansatz Adornos, der entgegen des zuvor genannten Widerspruchs in der Tradition Kants steht, der wiederum die Mittelbarkeit von Kunst mit dem Gefühl des Schönen untrennbar verbindet, zielt genau auf die Rezeption des Kunstwerks. Laut Lyotard unterscheidet Kant das Gefühl des Schönen von anderen Affekten einschließlich des Gefühls des Erhabenen und fordert so, daß dieses Gefühl Transitivität sein muß. Es muß ein Gefühl sein, daß dem Kunstwerk immanent ist und vom Rezipienten erkannt werden kann, aber nicht muß um an ihm Gefallen zu finden. Diese Transitivität ist laut Lyotard im Geschmacksurteil zugleich »einforderbar und erforderlich« (17), damit es Kunst gibt. Nun ist zu fragen, wie sich diese Mitteilbarkeit auf das Kunstwerk und die Situation seiner Perzeption auswirkt. Diese Mitteilbarkeit sei »im singulären ästhetischen Gefühl enthalten, und dieses singuläre ästhetische Gefühl ist der unmittelbare, das heißt zweifellos der reinste Modus einer Empfänglichkeit für Raum und Zeit (als notwendige Formen der aisthesis). Kann diese Mitteilbarkeit fortbestehen, wenn die Formen, die ihr Anlaß sein sollen, entweder bei ihrer Erzeugung oder bei ihrer Übertragung begrifflich bestimmt werden? Wie steht es mit dem ästhetischen Gefühl, wenn kalkulierte Situationen ästhetisch gemeint sind?« (18)

Mit den Kategorien von Raum und Zeit sind nicht weniger die Benjamins, nämlich das Hier und Jetzt gemeint. Im Vergleich scheint jedoch Benjamin an der Oberfläche des Problems zu bleiben, wenn Lyotard seine Argumentation wissenschaftlich herleitet. Ein wichtiger Argumentations- punkt ist für ihn der Gegensatz zwischen Empfänglichkeit (passibilité) und Aktivität, den er jedoch kritisch hinterfragt. Wir sind empfänglich, weil uns etwas widerfährt, das wir nicht vorher kontrolliert, programmiert haben oder begrifflich erfahren.

»Das Gefühl ist der unmittelbare Empfang dessen, was gegeben ist. Die Werke der neuen techne sind entweder bei ihrer Produktion und/oder ihrer Reproduktion oder bloß bei ihrer Verbreitung durch ein (oder mehrere) Kalkül(e) bestimmt worden. Das hinterläßt notwendigerweise Spuren…« (19) Lyotard meint mit diesen Kalkülen die Zeit, auch die Zeit, die zur Herstellung, Produktion und Verbreitung etc. des Kunstwerkes verwendet wird. Ein ästhetisches Gefühl scheint ihm unmöglich zu sein, wenn es allein aus der kalkulierten Repräsentation hervorgeht, deren die industrielle Reproduktion huldigt wie keine zweite Entwicklung. Wenn man folgende Kategorien als analog zu Benjamins Hier und Jetzt versteht, läßt sich folgender Satz kongruent zu Benjamins Thesen verstehen: »…das, was in der Moderne oder Postmoderne vielleicht zuerst betroffen ist und sich beklagen läßt, sind Raum und Zeit.« (20)

In Hinblick auf die Diskussion um die Postmoderne läßt sich sagen, daß sie eine Weiterführung der Moderne auch im Hinblick auf die Rezeption des Kunstwerkes darstellt. Zu Beginn des 19. Jh., bestimmt der Satz Hölderlins: »In der äußersten Grenze des Leidens besteht nämlich nichts mehr, als die Bedingungen der Zeit oder des Raumes« die Diskussion. Bei Hegel, der das »Ende der Kunst« (21) zu entdecken glaubte, werden diese Kategorien bereits aufgelöst, da er zeigt, daß Raum und Zeit ihre Wahrheit nicht in sich, sondern im Begriff haben, »daß es kein Hier und Jetzt gibt, daß es nur Wahrnehmung gibt, daß das Sinnliche immer schon durch den Verstand vermittelt ist.« (22) Lyotard geht in seiner Deutung weiter: »Geht in dieser Krise, die die Bedingungen von Raum und Zeit betrifft (und zwar in zwei Ausprägungen, nämlich der modernen: es bleiben nur noch Raum und Zeit, und der postmodernen: es bleiben uns nicht einmal mehr Raum und Zeit)…« (23) Benjamin griff so also mit seinen Ausführungen den Gedanken und Problemen der Postmoderne vor. Das Zauberwort der Interaktivität von Kunst, die in der technisierten Zeit immer mehr gefordert wird, greift in Bezug auf die Rezeption von Musik nicht. Laut Lyotard soll der, »der empfängt nicht empfangen, sich nicht aus der Fassung bringen lassen. Er soll sich selbst als aktives Subjekt in bezug auf das konstituieren, was ihm zuteil wird: sich unmittelbar rekonstruieren und sich als jemand, der interveniert, identifizieren.« (24) Bei der Empfänglichkeit in Verbindung mit musikalischen Kunstwerken ist aber einen Interaktivität nur schwer möglich; hier war sie in der Konzertsituation schon eher möglich, denn als Hörer eines technisch vervielfältigten Kunstwerks. Mit der Empfänglichkeit ist vielmehr eine gefühlsmäßige Gemeinschaft umrissen, die ihr Gemeinschaftsgefühl aus dem singulären ästhetischen Gefühl herleitet. In einem Konzertsaal z.B. entsteht aus dem Empfinden jedes einzelnen Besuchers ein Gemeinschaftsgefühl, welches durch die Kategorien Raum und Zeit vermittelt wird, dessen sich die Besucher aber auch gar nicht bewußt sein müssen. Diese gefühlsmäßige Einstimmigkeit ist laut Lyotard nicht abhängig von der Gestalt des Dargestellten oder der Form der Darstellung, sondern konstituiert sich allein aus der Modalität der Rezeption.

In seinem Aufsatz »Der Gehorsam« (25) beschreibt Lyotard die möglichen Implikationen, die die Möglichkeit der technischen Reproduktion eines Kunstwerks - hier die Musik - auf das musikalische Material selbst haben kann. Er spricht dabei von Rechten und Wünschen, die die neuen Technologien in der Welt der Klänge anmelden können, die nicht unbedingt den menschlichen Partner betreffen können sondern auch Materialimmanent sein können, »…die auch Rechte und Wünsche des Materials oder des Klanges sein können«. (26) Laut Adorno ist das Werk ein Rätsel und muß es auch bleiben, was es erklärt und in eine faßbare Form bringt ist die Technik. Die »Entfesselung« des Materials, die gleichzeitig auch eine Befreiung von Bevormundung ist, eröffnet so laut Lyotard die Perspektive der Beherrschung des Klanges durch die Technik. Diese These böte dann eine Möglichkeit, in der sich Musik und Technologie begegnen könnten. Das Eindringen in das Material, das mit der Elektronischen Musik wohl am besten dargestellt werden kann, ist ein integraler Bestandteil der musikalischen Komposition der Postmoderne. Sie ist Musik ohne den verbrämenden Mantel der Tradition, sie hat sich von ihr befreit, weil sie keine Tradition hat. Hier wird die Musik auf das zurückgeführt, was sie im Innersten ist, »nämlich die Schwingung der Luft mit ihren ihrerseits wieder analysierbaren Bestandteilen: Frequenz, Amplitude, Dauer und einige feinere, nämlich die Farbe, der Auftakt.« (27)

Das Hintersichlassen von Tonhöhen, Tonarten und Tonleitern, das die »Entfesselung des Klanges« mit sich bringt ist indes kein neues Bestreben. Schon Mozart versuchte unter Einbeziehung der türkischen Musik neue Klangfarben und Tonarten zu erschließen. Genauso wie später Debussy mit Hilfe der birmesischen Gamelan Musik, die einen besonderen Schwerpunkt auf die perkussiven Klänge legt. Lyotard diskutiert zur Veranschaulichung das Problem der Chromatik, die sich nicht durch eine Form anordnen muß, sondern sich selbst durch seine Materie anordnet.

»Die chromatischen Werte ordnen sich an, ohne durch einen Begriff organisiert zu werden, auch nicht durch einen Begriff der sie leitet. Die Schönheit, wenn ich es wagen darf, diesen Ausdruck zu benutzen, wird durch diese Selbstzweckmäßigkeit ohne Zweck erlangt.« (28) Die »Entfesselung des Klanges«, die z.B. Varèse nur auf die klangliche Ebene bezieht, läßt sich also in diesem Zusammenhang der Paradigmenwechel in der Musik auf das gesamte Material anwenden, auch, wie hier auf die Tonleitern. Die Hinwendung zur »freien Form« (ein Widerspruch in sich selbst, da es keine Form mehr ist, aber aus Mangel an anderen Begriffen und durch Gebräuchlichkeit dieses Terminus, sei er hier erlaubt) ist somit nicht nur, wie Lyotard bemerkt, die »Befreiung von den großen, durch die Tradition akkreditierten, musikalischen Formen, in der Hauptsache von der Sonatenform« (29), sondern betrifft auch die Behandlung des musikalischen Materials als solches, nämlich als Material, das sich selbst in sich »formt«, ohne auf es betreffende Traditionen Rücksicht zu nehmen. Die Musik als Tonkunst versucht sich so von der Musik als Musik zu lösen und tritt so wieder in den Kanon der Wissenschaften ein, unter die septem artes liberales, zu der sie im Mittelalter in Anlehnung an die Griechen gezählt wurde. Zusammen mit der Mathematik, der Geometrie und der Astronomie gehörte sie zum quadrivium. Ob diese Hinwendung zum Wesentlichen durch die Verwendung möglichst weniger nur minimaler Mittel, oder möglichst vieler komplexer Strukturen geschieht, macht im Prinzip keinen Unterschied. Es lassen sich zwei Grundströmungen herausfiltern. Die eine, die die Klänge einfach sein läßt, wie bei Cage, oder die andere, die durch das Übermaß an komplexen Strukturen die Hörgewohnheiten zerstört und zu einem neuen Hören von Musik führt. Lyotard sieht darin die Möglichkeit, »zu einem Naturzustand des Hörens, dessen Verlust die musikalische Kultur bewirkt hat, zurückzukehren.« (30)

Lyotard geht es in der Tonkunst nicht um die Entfesselung des Klanges, sondern um die des Gehorsams. Der Form als sinngebender Einheit von Musik ist bedingt durch die musikalische Tradition zu viel Bedeutung zugemessen worden und das Material ist dabei in den Hintergrund geraten. Diesen Umstand zu ändern ist die Möglichkeit der neuen Technologien, deren Auswirkungen auf die zeitgenössische Kunst zu bemerken ist, mehr noch als auf die reproduzierte Musik vergangener Epochen.

5. Schlußbemerkungen

Ausgehend von Walter Benjamins Text »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« aus dem Jahre 1935 und die daran anschließende Diskussion mit Adorno zeigt sich, daß der als negativer Impetus betrachtete Wandel der technischen Möglichkeiten sich ausgehend von der reinen Reproduktion vorhandener Kunstwerke in die Kunstwerke selbst eingeschrieben hat.

Betrachtet Benjamin die Entwicklung der Reproduktionsmedien und die Auswirkungen, die sie auf das Kunstwerk haben eher pessimistisch und beklagt diese, so sieht Adorno in ihnen eher eine Chance. Adorno sah in der Entfesselung des Materials über die Form - die die neuen technischen Möglichkeiten implizieren - eher eine steigende Möglichkeit, es technisch zu beherrschen. Benjamins Ansatz in der Gegenüberstellung von auratischem und reproduziertem Kunstwerk ist insofern eindimensional, da er die Dialektik beider Begriffe aus Gründen der Vereinfachung vernachlässigt. Adorno hingegen betrachtet die beiden Begriffe auf dialektischer Grundlage und umgeht so die Missinterpretationen, denen Benjamin erliegt.

Von außerordentlicher Wichtigkeit im Umgang mit Kunst in der Moderne hat sich die veränderte Rezeption derselben herauskristallisiert. Das Verlorengehen der Kategorien des Hier und Jetzt des Kunstwerkes, welche die herausragenden Bestandteile der Aura bei Benjamin sind, werden bei Lyotard kritisch hinterfragt, als Kategorien, die schon seit Hegel eine Ambiguität erhalten. Sie waren nie feste Größen, sondern immer schon durch die Wahrnehmung terminiert.

Ausgehend von den Thesen Benjamins ist aber auch noch klar geworden, daß in der sogenannten Postmoderne die veränderten Produktions- und Rezeptionsbedingungen ihre Auswirkungen auch auf das musikalische Material selbst haben. Dabei sind Veränderungen der Formen, wie etwa das Aufkommen der »Radiokomposition« als einem Kompositionsauftrag, die durch senderbedingte Budget- oder Personalfragen beeinflußt werden nur oberflächlich und ein offensichtliches Beispiel. Viel mehr in die Tiefe gehen Veränderungen das Material betreffend, die an der Elektronischen Musik exemplarisch dargestellt werden können. Die Entfesselung der Klänge, die sich eben nicht nur auf die Klänge, sondern auch auf die Entfesselung der Form und aller anderen Bestandteile bezieht, ist hier wohl am komplettesten vollzogen und wird immer noch weiter geführt.

Die Emanzipation des Materials von der Form - und somit von der musikalischen Tradition - ist folgerichtig die einschneidende Entwicklung in der Musik wie in der Kunst überhaupt und erschließt vielleicht, ausgehend von den Thesen Benjamins bis zu Lyotards ein neues Vokabular zur Diskussion Neuer Musik oder Musik überhaupt.



6. Bibliographie

Adorno, Theodor W.: Zeitschrift für Sozialforschung, hg. von Max Horkheimer, Jahrgang 7 (1938), Nachdruck München 1980, 321-356.

Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt/Main (Suhrkamp), 1968 (2. Auflage).

Lyotard, Jean-François: so etwas wie Kommunikation ohne Kommunikation, in: Engelmann, Peter (Hrsg.): Jean-François Lyotard - Das Inhumane, Plaudereien über die Zeit, Wien (Edition Passagen), 1989

Lyotard, Jean-François: Der Gehorsam, in: Engelmann, Peter (Hrsg.): Jean-François Lyotard - Das Inhumane, Plaudereien über die Zeit, Wien (Edition Passagen), 1989



Fußnoten

1. Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt 1968, 2. Auflage. (Alle weiteren Zitate aus diesem Werk beziehen sich auf diese Ausgabe.)
2. Benjamin, S.9
3. Benjamin, S.9
4. ebda., S.11
5. ebda., S.13
6. ebda., S.13
7. ebda., S.13
8. ebda., S.13
9. ebda., S.15
10. ebda., S.17
11. ebda., S.17
12. ebda., S.21
13. Adorno, Theodor W.: Zeitschrift für Sozialforschung, hg. von Max Horkheimer, Jahrgang 7 (1938), Nachdruck München 1980, 321-356.
14. Vortrag beim ersten Kolloquium Art et communication, das im Oktober 1985 auf Initiative von Robert Allezaud an der Sorbonne abgehalten wurde. Unter seiner Herausgeberschaft erschienen in dem Sammelband Art et Communication, Paris 1986.
15. Ich beziehe mich in dieser Arbeit auf die deutsche Übersetzung: Lyotard, Jean-François, So etwas wie Kommunikation ohne Kommunikation, in: Das Inhumane. Plaudereien über die Zeit. Hrsg. Engelmann, Peter, Edition Passagen, Wien, 1989.
16. Lyotard, Kommunikation ohne Kommunikation, S. 190
17. ebda.: S. 190
18. ebda.: S. 192
19. ebda.: S. 192-193
20. ebda.: S. 194
21. ebda.: S. 195
22. ebda.: S. 199
23. ebda.: S. 199
24. ebda.: S. 202
25. ebda.: S. 203
26. Beitrag zum Kolloquium De l’ecriture musicale, das auf Initiative von Christine Buci-Glucksmann und Michaël Levinas im Juni 1986 vom Collège international de philosophie und dem Itinéraire an der Sorbonne organisiert wurde. Erschienen in: InHarmoniques 1, 1987. Ich beziehe mich in dieser Arbeit auf die deutsche Übersetzung: Lyotard, Jean-François, Der Gehorsam, in: Das Inhumane. Plaudereien über die Zeit. Hrsg. Engelmann, Peter. Edition Passagen, Wien 1989.
27. ebda.: S. 285
28. Lyotard, Der Gehorsam, S. 279
29. ebda.: S. 285
30. ebda.: S. 290
31. ebda.: S. 291
32. ebda.: S. 298


© 2000 by Andreas Höflich


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IWBG · ALEFELD

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Yvonne-Patricia Alefeld
Passagen ins Exil
Walter Benjamin und Raoul Hausmann auf Ibiza
Fragwürdige »Vollkommenheit am Rande des Unsichtbaren«


Walter Benjamin, der das Reisen als Flucht vor dem Scheitern interpretierte wie auch als Gelegenheit zur Verwandlung verstand, hielt sich während der frühen 30er Jahre zweimal auf der balearischen Insel Ibiza auf. Gemäß dem Denken Benjamins wird die Insel einerseits zur Leinwand für eine Fülle von kulturell kodierten Bildern, für die der Kulturtheoretiker auffällig die Bilder Gauguins konsultierte. Andererseits erscheint Ibiza als Arkadienbild, in dessen Kern der Tod lauert. So lassen sich auf der sturmumtosten Insel im Mittelmeer Zeichen der politisch gefährlichen Ereignisse um die Nationalsozialistenn Deutschland erkennen. Analog zu Benjamins Inselbild inszeniert der ibizenkische Roman Raoul Hausmanns längst vergessene Traumstücke, die so provokant wie aggressiv die Insel als Strafort und Liebesparadies dekonstruieren. »Ibiza ist: Nichts. Nichts mehr. Nur Traum.«




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IWBG · KLUGE

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Sofie Kluge
Der Allegoriebegriff und die Kritik des Nominalismus
in Walter Benjamins
»Ursprung des deutschen Trauerspiels«


Das Trauerspiel-Buch ist nach Auffassung von Sofie Kluge der ambitionierteste und vollendetste Ausdruck der allegorischen Interpretations- und Texttheorie, in die das wichtigste Erbe Walter Benjamins blieb. Ihr Aufsatz untersucht den Begriff einer philosophisch veranlagten, aber historisch verwurzelten Interpretations- und Texttheorie, der in der erkenntnistheoretischen Vorrede dargelegt wird, in Zusammenhang mit dem Allegoriebegriff des Abschnittes Allegorie und Trauerspiel. Der Allegoriebegriff wird hier nicht nur als Schlüssel der ästhetischen Form, welche Objekt der benjaminischen Untersuchung ist (d.h. des Trauerspiels) gelesen, sondern auch als allegorische Praxis, die zugleich den Hintergrund der benjaminischen Interpretationstheorie bildet. Um diesen Zusammenhang zwischen der Interpretationstheorie und der Texttheorie Benjamins zu veranschaulichen, hebt Kluge einen Aspekt der methodologischen Problematik der Vorrede hervor, nämlich die Parallelisierung der zeitgenössischen kunsttheoretischen Diskussion mit dem sogennanten Universalienstreit zwischen Realisten und Nominalisten im Mittelalter. Die verschiedenen Aspekte dieses Schismas eignen sich nach Kluge besonders dazu, die grundlegende Opposition der Vorrede zwischen Benjamins Schlüsselbegriffen von Darstellung und Ursprung als Ausdruck einer (obschon stark moderierten) realistischen Position, und der zeitgenössischen neokantianischen und empiristisch beeinflußten Kunsttheorie als Ausdruck eines modernen Nominalismus zu beschreiben. Zugleich erklärt, ihrer Auffassung nach, die Fokusierung auf die Aktualisierung Benjamins des Universalienstreites die sonst rätselhafte ›Ideenlehre‹ der Vorrede und verbindet sie mit dem Allegoriebegriff, indem die beiden auf dieselbe sprachliche Problematik bezogen werden.




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Donnerstag, August 24, 2006

THEORETIKER DER MODERNE

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Aktualität meint im Alltag das, was »up to date«, was »angesagt« ist, mit einem der finstersten Worte unserer Tage den »Zeitgeist«, das, was an der Oberfläche kurz glimmt, zwar bald vorbei ist, jetzt jedenfalls die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht. Benjamin drehte diese Bestimmung um. Aktualität ist bei ihm ein mystischer Begriff. Damitetwas zur Aktualität gelangen kann, ist an ihm eine Sprengarbeit nötig. Wer vollbringt diese Arbeit? Es ist entweder der Geschichtsinterpret oder das revolutionäre Proletariat. Beiden eignet auf ihre Weise die Kraft, Geschichtlichem zur Aktualität zu verhelfen.

Die Sturzflut, genannt Apokatastasis, mit der bei Benjamin die Erlösungsarbeit an der Vergangenheit die Gegenwart belehnt, führt im Stadium ihrer Vollkommenheit zu dem »Bildraum« vollkommener Aktualität,der identisch ist mit der Ankunft des »Messias«, der Erlösung, der klassenlosen Gesellschaft. Der Geschichtsinterpret hat damit eine Funktion, die ganz nur theologisch zu begreifen ist. Sie ist indessen kontemplativ nicht mehr zu bewältigen; sie kann nur erfüllt werden im Kontext der revolutionären Praxis. Diese Praxis ihrerseits geht schon in ihrer KP-marxistischen, erst recht in ihrer sozialdemokratischen Verfassung mit schweren Defiziten einher: sie orientierte sich an einer Teleologie und an einem Fortschrittsgedanken, die auf einen geheimen Positivismus verweisen. Diesen zu durchschlagen ist der anarchistische und destruktive Grundgestus der Benjaminschen Gedankenwelt.

Mit dem Programm, das Kontinuum der Geschichte, wie es der Historismus episch ausbreitet, aufzusprengen, will Benjamin verschüttete revolutionäre Potentiale zutage fördern. Er stellt die Geschichte still, um »dialektische Bilder« aus ihr herauszubrechen. Benjamin exerziert diese Übung anhand des Trauerspiels im Barock, der frühromantischen Kunsttheorie, anhand der »Traumbilder« der Gründerzeit und des Surrealismus.

In den späten dreißiger Jahren, als die Kriegsvorbereitungen des deutschen Faschismus und die Schwäche seiner Gegner unübersehbar waren, als die Moskauer Schauprozesse und schließlich der Hitler-Stalin-Pakt die westeuropäische Intelligenz erschütterten, formulierte Benjamin eine Kritik des historischen Materialismus, die aktuelle politische Brisanz hatte.

Heute lesen wir sie unter einem veränderten Aspekt, dessen welthistorische Bedeutung jedoch kaum weniger bedeutsam ist. Benjamin sieht, explizit in der viel diskutierten ersten seiner Thesen »Über den Begriff der Geschichte«, im Marxismus eine Dimension unterschlagen, die er in dem Begriff Theologie zusammenfaßt:

»Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzug erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, dasauf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seitendurchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophievorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ›historischen Materialismus‹ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.« (I, 693)

Ohne die Dimension, die der »Zwerg« vertritt, prognostiziert Benjamin ein Abgleiten der welthistorischen revolutionären Praxis in ein affirmatives Fortschrittsvertrauen, das in der Katastrophe mündet.

So weit, so gut / so schlecht. Im Jahre 1990 bedarf es keines besonderen Hinweises, daß die Verfallsgeschichte des Marxismus in die Katastrophe eingemündet ist. Wenn heute auf dem DDR-Staatsratsgebäude die Bundesfahne flattert, die Sowjetunion ihre Ökonomie kapitalistisch Positionen annähern muß, die Marxisten überall auf der Welt grundlegende Revisionen angewiesen sind – welches Gewicht hat dabei der Benjaminsche Einspruch?

Ein Antwortversuch von Jürgen Habermas aus dem Jahre 1972 erlangt angesichts der Ereignisse in Osteuropa eine ganz neue Brisanz:

»… Benjamins Kritik des leeren Fortschritts zielt gegen einen freudlosen Reformismus, dessen Sensorium längst abgestumpft ist gegen die Differenz zwischen der verbesserten Reproduktion des Lebens und einem erfüllten Leben, sagen wir eher: einem Leben, das nicht verfehlt ist. (…) Hier ist die Rede nur vom Zweifel, von dem Zweifel, den Benjamins semantischer Materialismus nahelegt: dürfen wir die Möglichkeit einer bedeutungslosen Emanzipation ausschließen? Emanzipation heißt in den komplexen Gesellschaften partizipatorische Umformung administrativer Entscheidungsstrukturen. Könnte eines Tages ein emanzipiertes Menschengeschlecht in den erweiterten Spielräumen diskursiver Willensbildung sich gegenüber treten und doch des Lichts beraubt sein, in dem es sein Leben als ein gutes zu interpretieren fähig ist? Die Rache einer für die Legitimation von Herrschaft über die Jahrtausende ausgebeuteten Kultur bestünde dann, im Augenblick der Überwindung uralter Repressionen, darin, daß sie keine Gewalt, aber auch keinen Gehalt mehr hätte; ohne die Zufuhr jener semantischen Energien, denen Benjamins rettende Kritik galt, müßten die endlich folgenreich durchgesetzten Strukturen des praktischen Diskurses veröden. (…) Denn unter historischen Umständen, die den Gedanken an Revolution verbieten und die Erwartung lange anhaltender umwälzender Prozesse nahelegen, muß sich auch die Vorstellung von der Revolution aus dem Bildungsprozeß einer neuen Subjektivität wandeln. Dazu mag Benjamins konservativ-revolutionäre Hermeneutik, die die Geschichte der Kultur entziffert, einen Weg weisen.« (1)

Das Anschwellen der Literatur über Benjamin in den letzten Jahren nimmt schon Konturen eines Krankheitsbildes an. Dazu gehört, daß die Krankheit selbst bereits analysiert wird: einen breiten Raum innerhalb dieser Elephantiasis besetzt die Frage, wie die Faszination Benjamins zu erklären sei. Heerscharen europäischer und US-amerikanischer Intellektueller arbeiten in dem Steinbruch Benjamin Profile heraus, in denen sie sich selbst wiedererkennen. Es gibt keinen Grund, dieses Verfahren zu denunzieren. Benjamins eigenes Netzwerk lädt dazu ein: es ist offen für Extrapolation nach allen Seiten. Diese eigentümliche Struktur der Offenheit erklärt nicht nur die gegenwärtige Aufmerksamkeit, sondern, vielleicht auch die Mißachtung zu Lebzeiten. Ist also zwischen genuiner Interpretation und Mißverständnis nicht mehr zu differenzieren, wird Benjamin zum Exponenten des postmodernen »anything goes«? Lohnender als die Antwort auf diese Frage mag die Einsicht sein, daß die Auslegbarkeit nach vielen Seiten, besser: die schier unbegrenzte Möglichkeit, ganz verschiedene Seiten seines Denkens in einer unendlich erscheinenden Variabilität zueinander in Beziehung zu setzen, tief in die Geheimnisse seines Werks hineinführt. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, dann zeichnet sich in seinem nie erreichbaren Zentrum womöglich die Wahrheit ab, daß keine der vieltausendfachen Interpretationen den Weg zum »wahren« Benjamin weist; daß das »Rätsel Benjamin« nicht so sehr an Inhalten, als vielmehr in der Verfassung, dem Aggregatszustand seiner Gedanken ansichtig wird. Deren Strahlkraft geht vielleicht weniger von einzelnen Inhalten, als von der Versuchsanordnung seines Denkens aus. Diese könnte formelhaft so beschrieben werden: Sie überläßt sich der Aperspektivität, ohne den Zusammenhang aufzugeben. Wenn Benjamin untentwegt von Blitz, Choc, Montage, Aufsprengen des Kontinuums spricht, so sind damit auf der formalen Ebene auch die Leerstellen bezeichnet, die nach der destruktiven Aufkündigung der Perspektivität die Voraussetzungen für die Emanzipation des Einzelnen bilden. Das Fragment, Benjamins Erbteil der Frühromantik, oder die Monade sind dabei nur Übergangserscheinungen; zwischen den Ruinenteilen der Sprengarbeit wird ein neuer Zusammenhang gestiftet, der die Leerstellen nicht überspielt, sondern begründet. Benjamins Freund Adorno hat diesen Aggregatzustand seines Denkens zutreffend mit der Neuen Musik verglichen:

»Die innere Zusammensetzung seiner Prosa ist unbequem auch in der Verbindung der Gedanken, und nirgends ist es notwendiger als hier, falsche Erwartungen wegzuräumen, wenn man nicht in die Irre geratenwill. Denn die Benjaminsche Idee in ihrer Strenge schließt wie Grundmotive so auch deren Entwicklung, Durchführung, den ganzen Mechanismus von Voraussetzung, Behauptung und Beweis, von Thesen und Resultaten aus. So wie die Neue Musik in ihren kompromißlosen Vertetern keine ›Durchführung‹, keinen Unterschied von Thema und Entwicklung mehr duldet, sondern jeder musikalische Gedanke, ja jeder Ton darin gleichnahe zum Mittelpunkt steht, so ist auch Benjamins Philosophie ›athematisch‹. Dialektik im Stillstand bedeutet sie auch insofern, als sie in sich eigentlich keine Entwicklungszeit kennt, sondern ihre Form aus der Konstellation der einzelnen Aussagen empfängt. Daher ihre Affinität zum Aphorismus. Zugleich jedoch erfordert das theoretische Element Benjamins stets wieder große gedankliche Zusammenhänge. Seine Form hat er einem Gewebe verglichen, und ihr überaus verschlossener Charakter wird davon bedingt: die einzelnen Motive sind aufeinander abgestimmt und ineinander verschlungen ohne Rücksicht darauf, durch ihre Folge einen Denkprozeß abzubilden, etwas ›mitzuteilen‹ oder den Leser zu überzeugen.

Das Maß der Erfahrung, die jeglichen Satz Benjamins prägt, ist die Kraft, das Zentrum unablässig in die Peripherie zu setzen, anstatt das Periphere, wie es die Übung der Philosophen und der traditionellen Theorie verlangen, aus dem Zentrum zu entwickeln.«

Benjamin setzt an die Stelle »des durchlaufenden Gedankengangs« eine »Konstellation von Ideen (…), und diese Ideen kristallisieren sich jeweils im Detail als in ihrem Kraftfeld.« Adorno geht noch einen Schritt weiter, indem er erkennt: »Dies literarische Kompositionsprinzip vertritt kaum einen geringeren Anspruch als den, Benjamins Vorstellung von der Wahrheit selbst auszudrücken.«(2)

In der Gegenwart hat dieses Modell, das kurz nach der Jahrhundertwende zunächst in der theoretischen Physik formuliert wurde und um 1910 inden avancierten Künsten eine Entsprechung zu finden begann, Einzug in das Alltagsbewußtsein gehalten. (Diesen Zusammenhang untersuchte das Projekt des Werkbund-Archivs »Der Zerfall eines alten Raumes«, 1988). Benjamin ist heute der Theoretiker der Vernetzung – einer objektivenTendenz, die uns von seiten der Macht gegenübertritt und der die an Emanzipation interessierten Kräfte nur dann zu begegnen vermögen, wenn sie diese Tendenz »gegenzuformulieren« vermögen. Das eigentliche Geheimnis der Faszination Benjamins für die Gegenwart könnte also darin liegen, daß sie von der Ahnung der Aufgabe durchdrungen ist, völlig inkommensurabel Erscheinendes in Beziehung setzen und zur Erfüllung dieser Aufgabe neue Formen des Denkens und Erkennens finden zu müssen.

Benjamin, listig und »unfrankfurterisch«, las die Massenkultur und die von ihr verbreiteten Mythen als Quelle sowohl der Bewußtseinsvernebelung als auch des möglichen Erwachens.

Heute, da eine der letzten mythenbesetzten Städte der alten Welt – OstBerlin – unausweichlich verschwindet zugunsten der Stadt genannten Anhäufung von durchrationalisierter und durchgestylter Leere; da nichts Gealtertes mehr der Alternative entgeht, entweder durch Vernichtung oder durch Überkonservierung liquidiert zu werden, kann der Kampf gegen den Mythos, soweit er von der Dingwelt repräsentiert wird, als verscheucht angesehen werden. Wie das Ungeheuer in »Alien« oder anderen Horrorfilmen der 70er Jahre ist das überwunden geglaubte Monster jedoch nach wie vor unsichtbar präsent.

Der Mythos hat in der Dingwelt keine Schauseite mehr; ja aber wo steckt er dann? Er schaut dich an aus den verlorenen Augen des Managers, der einen Augenblick hinter seinen forsch dreinschauenden Kollegen zurückbleibt. Er hinterläßt Spuren im Kaugummi-Atem des rassistischen Schlägers in der U-Bahn. Er glitzert noch in den Tränen der Olympiasiegerin beim Erklingen ihrer Nationalhymne.

Aus diesen Residuen des Mythos ist bei aller Dialektik kein befreiender Funke mehr zu schlagen. 50 Jahre nach Benjamin ist die Dialektik des Mythos für die Gegenwart stillgelegt – aber in Totenstarre. DasTodesdatum ist durchaus angebbar. Noch um 1965 konnte das Jüngstvergangene – die Ästhetik der 50er Jahre – mythisch verklärt werden. Mit dem Nachlaß der 70er Jahre gelingt das nicht mehr. Es ist das Jahrzehnt, in dem die Elektronik Einzug in den Alltag hielt.

Der Mythos, der aus dem Gesicht der Dingwelt verschwunden ist, ist weder besiegt noch versöhnt. Vielleicht ist es das, was die Science-fiction-Filme der 70er Jahre uns ankündigen wollten. Der Mythoshat den Augenblick des möglichen Erwachens überlebt.

Anmerkungen:

(1) Jürgen Habermas, Bewußtmachende und rettende Kunst – die Aktualität Walter Benjamins, in: Zur Aktualität Walter Benjamins, hg. v. Siegfried Unseld, Frankfurt/M., 1972, S. 219f. Zurück

(2) Theodor W. Adorno, Über Walter Benjamin, Frankfurt/M. 1990, S. 43f., S. 37 und S. 38.

Text: Eckhard Siepmann
Aus: Bucklicht Männlein und Engel der Geschichte: Walter Benjamin,Theoretiker der Moderne; Ausstellung des Werkbund-Archivs im Martin-Gropius-Bau.28.12.1990 - 28.04.1991.

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